Ratgeber
Bewerbungsprozess

Initiativbewerbung schreiben

Wie du Firmen ansprichst, die nichts ausgeschrieben haben, und warum der Anlass wichtiger ist als die Anzeige.

Cagri Ersöz

Initiativbewerbung öffnet Türen vor der Stellenausschreibung
Initiativbewerbung öffnet Türen vor der Stellenausschreibung

Eine Initiativbewerbung richtet sich an ein Unternehmen, das gar nichts sucht. Das klingt aussichtslos und ist es nicht: Sie landet auf einem anderen Stapel, konkurriert mit weniger Bewerbungen und trifft manchmal genau den Moment, in dem jemand kündigt.

Der Unterschied zur normalen Bewerbung ist genau einer, und er entscheidet alles: Es gibt keine Anzeige, auf die du dich beziehen kannst, also brauchst du einen eigenen Anlass. Wo die Initiativbewerbung in den Gesamtablauf gehört, steht im Guide zum Bewerbungsprozess.

Der verdeckte Stellenmarkt ist real

Ein erheblicher Teil der Stellen wird nie öffentlich ausgeschrieben. Sie werden intern besetzt, über Empfehlungen vergeben oder an jemanden, der zufällig zur richtigen Zeit angefragt hat.

Wie groß dieser Anteil ist, wird sehr unterschiedlich beziffert, und die Prozentwerte, die dazu kursieren, lassen sich meist auf keine prüfbare Erhebung zurückführen. Deshalb steht hier keine Zahl. Dass es diesen Markt gibt, bestätigt dagegen jeder, der schon einmal eine Stelle besetzt hat: Bevor eine Anzeige geschaltet wird, fragt man erst im Haus und dann im Bekanntenkreis.

Für dich folgt daraus ein praktischer Punkt. Eine Initiativbewerbung ist kein Bittbrief, sondern ein Angebot zum richtigen Zeitpunkt. Sie kann drei Dinge auslösen: ein Gespräch, wenn ohnehin Bedarf besteht; eine Aufnahme in einen Bewerberpool; oder einen Anruf drei Monate später, wenn jemand geht.

Wann sie funktioniert

Nicht überall gleich gut. Vier Konstellationen sprechen dafür:

Wachsende Betriebe. Neue Standorte, neue Produkte, Umbau einer Abteilung. Solche Nachrichten stehen auf der Webseite und in der Lokalpresse.

Fachkräftemangel. In Pflege, Handwerk, Gastronomie, Logistik und Teilen der IT wird dauerhaft gesucht, oft ohne dass jede Stelle ausgeschrieben wird.

Kleine Unternehmen. Wer keine Personalabteilung hat, schaltet ungern Anzeigen, weil sie Geld kosten und Arbeit machen. Eine gute Initiativbewerbung erspart dem Chef genau diesen Aufwand.

Ein bestehender Kontakt. Eine Messe, ein Gespräch, eine Empfehlung. Das ist der stärkste Fall, weil du einen Anlass hast, den du nicht konstruieren musst.

Schlechte Aussichten haben Initiativbewerbungen dagegen in stark formalisierten Verfahren, im öffentlichen Dienst und in Konzernen, die ausschließlich über Portale einstellen. Dort landen sie in einem Postfach, das niemand liest.

Zielfirmen finden und recherchieren

Die Auswahl ist die eigentliche Arbeit, und sie lohnt sich mehr als das Schreiben.

Bau dir eine Liste von zehn bis zwanzig Unternehmen, die zu deinem Beruf und deinem Radius passen. Quellen: Branchenverzeichnisse, die Mitgliederliste der örtlichen Industrie- und Handelskammer, Lieferanten und Kunden deines jetzigen Arbeitgebers, Firmen aus Stellenanzeigen, die zwar gerade nichts Passendes suchen, aber offensichtlich einstellen. Auch die Jobsuche hilft indirekt: Wer dort sieht, welche Betriebe in deiner Region überhaupt ausschreiben, kennt die aktiven Arbeitgeber.

Zu jeder Firma notierst du drei Dinge: was sie macht, was sich dort gerade ändert, und wer dort einstellt. Das dauert pro Firma zehn Minuten und ist der Unterschied zwischen einem Serienbrief und einer Bewerbung.

Und dann sortierst du aus. Zehn recherchierte Zielfirmen bringen mehr als fünfzig Adressen aus einem Verzeichnis.

Der Unterschied im Anschreiben: Anlass statt Anzeige

In einer normalen Bewerbung liefert die Anzeige den Einstieg. Hier musst du ihn selbst mitbringen, und dafür gibt es drei brauchbare Anlässe.

Die Beobachtung:

Ihr neuer Standort in Erfurt geht im Frühjahr in Betrieb. Erfahrungsgemäß wird die Disposition dort im ersten Jahr zum Engpass, und genau die habe ich bei einem Zulieferer mit drei Werken verantwortet.

Der Kontakt:

Nach unserem Gespräch auf der Fachmesse in Hannover, in dem Sie den Aufbau Ihrer Ersatzteillogistik erwähnt haben, wende ich mich an Sie.

Das Angebot:

Sie schreiben derzeit keine Stelle in der Buchhaltung aus. Falls sich das ändert oder eine Vertretung nötig wird: Ich betreue seit sechs Jahren die Debitorenbuchhaltung für rund 400 Kunden und bin ab Februar verfügbar.

Alle drei haben dasselbe Muster: ein konkreter Bezug, ein belegtes Können, ein klares Angebot. Was fehlt, ist die Formel "Ich bewerbe mich initiativ", die nichts sagt und trotzdem in fast jeder Initiativbewerbung steht.

Der Rest des Anschreibens folgt den üblichen Regeln, nur kürzer. Zwei Absätze Kern reichen, weil niemand eine Anforderungsliste hat, gegen die du dich belegen müsstest.

Nachfassen und Frequenz

Bei Initiativbewerbungen ist Nachfassen wichtiger als sonst, weil keine Frist im Raum steht. Zehn bis vierzehn Tage nach dem Absenden ein kurzer Anruf oder eine Mail: freundlich, konkret, ohne Vorwurf.

Wenn die Antwort "derzeit nichts frei" lautet, ist das kein Nein für immer. Frag, ob deine Unterlagen im Pool bleiben dürfen, und melde dich in sechs bis zwölf Monaten wieder, wenn sich bei dir etwas geändert hat: eine Weiterbildung, ein neues Projekt, ein Abschluss. Dieser zweite Kontakt ist erfahrungsgemäß der wirksamere.

Der Weg zum richtigen Empfänger

Eine Initiativbewerbung an "info@" ist eine Initiativbewerbung an niemanden. Sie landet in einem Sammelpostfach, das je nach Betrieb einmal pro Woche jemand durchsieht.

Der Weg zum Namen führt in dieser Reihenfolge: Team-Seite oder "Über uns" auf der Firmenwebseite, Impressum bei kleineren Betrieben, Karrierenetzwerke mit Filter auf Unternehmen und Bereich, und zuletzt der Anruf in der Zentrale. Der Anruf ist der zuverlässigste und der unbeliebteste Weg, und er dauert zwei Minuten: Du nennst deinen Namen, sagst, dass du dich initiativ bewerben willst, und fragst, an wen du das adressieren sollst.

Was du dabei nicht tust: private Kontaktdaten zusammensuchen. Eine Bewerbung an die private Mailadresse einer Führungskraft wirkt übergriffig, und je nach Herkunft der Adresse ist die Recherche selbst heikel.

Sie zählt als Eigenbemühung

Ein praktischer Punkt für alle, die arbeitslos gemeldet sind: Initiativbewerbungen zählen als Eigenbemühung, und sie sind sogar leichter nachzuweisen als Portal-Bewerbungen, weil Anschreiben und Absendedatum bei dir liegen.

Was du dokumentierst, ist dasselbe wie sonst: Datum, Unternehmen, Bereich, Weg, Ergebnis. Welche Aktivitäten sonst noch anerkannt werden, steht im Artikel Eigenbemühungen nachweisen.

Damit hat die Initiativbewerbung einen doppelten Nutzen: Sie erschließt einen Markt, den Anzeigen nicht abbilden, und sie füllt nebenbei den Nachweis, den das Amt ohnehin sehen will.

Häufige Fragen

An wen adressiere ich eine Initiativbewerbung?

An die Person, die im Zielbereich einstellt, nicht an die Personalabteilung allgemein. In kleineren Betrieben ist das oft die Geschäftsführung, in größeren die Bereichsleitung. Ein Anruf klärt das in zwei Minuten.

Welche Unterlagen schicke ich mit?

Anschreiben und Lebenslauf immer, Zeugnisse nach Relevanz. Eine Kurzbewerbung aus Anschreiben und Lebenslauf reicht in den meisten Branchen und wird eher gelesen als ein Paket mit acht Anhängen.

Wie oft darf ich bei derselben Firma anklopfen?

Einmal, dann nach etwa sechs bis zwölf Monaten wieder, wenn sich bei dir etwas geändert hat. Alle vier Wochen dieselbe Mail ist keine Beharrlichkeit, sondern eine Belästigung.

Ist eine Kurzbewerbung besser?

Meistens ja. Wer nichts ausgeschrieben hat, investiert weniger Zeit ins Lesen. Zwei Seiten mit einem klaren Angebot kommen weiter als eine vollständige Mappe.

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