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Anschreiben

Wie lang darf ein Anschreiben sein?

Eine Seite ist die Regel, aber warum eigentlich? Was Personaler wirklich lesen und wie du kürzt, ohne Substanz zu verlieren.

Cagri Ersöz

Ein Anschreiben auf genau einer Seite
Ein Anschreiben auf genau einer Seite

Die Antwort steht in jedem Ratgeber und stimmt trotzdem: eine Seite. Was selten dabeisteht, ist die Begründung, und ohne sie wird die Regel entweder sklavisch befolgt oder achselzuckend ignoriert. Beides führt zu schlechteren Anschreiben als die Frage, warum die Grenze überhaupt existiert.

Dieser Artikel klärt das und gibt dir ein Verfahren zum Kürzen, das die Argumente stehen lässt. Wie die Seite aufgebaut ist, die du hier auf Maß bringst, steht im kompletten Anschreiben-Guide.

Eine Seite, aber warum eigentlich?

Die Ein-Seiten-Regel ist keine Vorschrift, sondern eine Folge des Verfahrens. Ein Anschreiben ist ein Geschäftsbrief, und ein Geschäftsbrief, der auf ein zweites Blatt läuft, verlangt eine Fortsetzungsseite mit eigenem Kopf. Wer das im Bewerbungskontext macht, signalisiert damit ungewollt: Ich konnte mich nicht entscheiden.

Der zweite Grund ist der Ablauf in der Personalabteilung. Deine Bewerbung ist eine von vielen, und sie wird in einer ersten Runde sortiert, nicht studiert. Was in dieser Runde nicht auffällt, wird in der zweiten nicht mehr gesucht. Eine Seite zwingt dich zur Auswahl, und Auswahl ist genau die Leistung, die ein Anschreiben erbringen soll.

Und der dritte Grund ist unangenehm ehrlich: Fast niemand hat nach der ersten Seite noch etwas Neues zu sagen. Was auf Seite zwei steht, ist in aller Regel eine Wiederholung des Lebenslaufs oder eine Ausweitung des Einstiegs.

Was Personaler in dreißig Sekunden lesen

Über Sichtungszeiten kursieren viele Zahlen. Sechs Sekunden, elf Sekunden, dreißig Sekunden: Die Werte stammen fast durchweg aus Erhebungen von Anbietern, die im Bewerbungsmarkt etwas verkaufen, und lassen sich selten auf eine nachvollziehbare Methode zurückführen. Wir nennen deshalb keine.

Was sich beobachten lässt, ist das Muster, und darauf kommt es an. Gelesen wird zuerst der Betreff, dann der erste Satz, dann der Anfang jedes Absatzes. Der Rest wird erst gelesen, wenn diese vier Stellen etwas hergegeben haben. Daraus folgt die eigentliche Regel, die wichtiger ist als jede Wortzahl: Der erste Satz jedes Absatzes muss allein tragen. Wer seine Belege in der Mitte langer Absätze versteckt, verliert sie, egal wie lang die Seite ist. Wie du den wichtigsten dieser Sätze baust, steht im Anschreiben-Guide.

Die richtige Länge je Situation

Berufseinsteiger und Ausbildung: 250 bis 300 Wörter. Du hast wenige Belege, und drei gute schlagen sechs konstruierte. Wer als Einsteiger eine volle Seite füllt, füllt sie meistens mit Motivationsbekundungen.

Fachkräfte mit Berufserfahrung: 300 bis 400 Wörter. Das ist die klassische volle Seite mit Einstieg, drei Absätzen und Schluss. Mehr braucht es nicht, weil der Lebenslauf die Breite abdeckt und das Anschreiben nur die Auswahl zeigt.

Führung, Wissenschaft, öffentlicher Dienst: bis zu einer sehr dichten Seite, in Einzelfällen anderthalb. In Führungsbewerbungen wird ein Führungsverständnis erwartet, das mehr als einen Satz braucht. Bei wissenschaftlichen Stellen ist das Motivationsschreiben oft ein eigenes Dokument mit eigener Längenangabe in der Ausschreibung, und die schlägt jede allgemeine Regel.

Initiativbewerbung: kurz, 200 bis 250 Wörter. Es gibt keine Anzeige, an der du dich entlanghangeln kannst, also ist der Text ein Angebot, keine Antwort. Angebote werden kürzer gelesen.

Kürzen mit System: was zuerst fällt

Wenn dein Entwurf über die Seite läuft, streichst du in dieser Reihenfolge. Sie ist nicht willkürlich, sie folgt dem Informationsgehalt.

  1. Adjektive ohne Beleg. "Hochmotiviert", "engagiert", "dynamisch": weg, ersatzlos. Sie stehen nie allein für sich, und der Beleg daneben trägt auch ohne sie.
  2. Alles, was der Lebenslauf schon sagt. Stationen, Jahreszahlen, Abschlussnoten. Das Anschreiben erklärt, der Lebenslauf listet.
  3. Höflichkeitsanläufe. "Wie Sie meinem Lebenslauf entnehmen können", "Gerne möchte ich mich Ihnen vorstellen", "Ich freue mich sehr über die Möglichkeit". Drei bis vier solcher Wendungen sind schnell fünfzig Wörter.
  4. Der schwächste deiner Belege. Nicht kürzen, streichen. Zwei starke Absätze wirken besser als drei mittlere.
  5. Nebensätze mit "wobei", "welche" und "aufgrund dessen". Der deutsche Bewerbungston verführt zu Schachtelsätzen. Zwei kurze Sätze sagen dasselbe und werden gelesen.

Erst wenn diese fünf Runden durch sind, gehst du an Schriftgrad und Ränder, und auch dann nur innerhalb des Vernünftigen. Wer Schriftgröße 9 und einen Zentimeter Rand braucht, um auf eine Seite zu kommen, hat ein Textproblem und kein Layoutproblem.

Zu kurz gibt es auch

Die Untergrenze wird seltener besprochen, existiert aber. Drei Zeilen unter dem Betreff, in denen steht, dass du dich bewirbst und über eine Einladung freuen würdest, sind kein Anschreiben, sondern ein Begleitzettel. Bei einer Stelle, die ausführlich beschrieben ist, liest sich das als Desinteresse.

Der brauchbare Mindestumfang liegt bei drei Absätzen: ein Einstieg mit Bezug, ein Absatz mit deinem stärksten Beleg, ein Schluss mit Termin und Gesprächsangebot. Das sind rund 180 Wörter, und darunter fehlt schlicht die Substanz, um eine Auswahlentscheidung zu begründen.

Es gibt eine Ausnahme, und sie ist keine Nachlässigkeit: Manche Bewerbungsportale stellen für das Motivationsschreiben ein Textfeld mit Zeichenbegrenzung bereit, oft 1.000 oder 1.500 Zeichen. Dann gilt die Grenze des Formulars, nicht deine. Kürze in diesem Fall auf Einstieg und einen einzigen Beleg und lass den Schlussteil weg, denn Termin und Verfügbarkeit fragt das Formular in eigenen Feldern ohnehin ab.

Formatfragen

Die Seite hält, wenn Schrift, Abstand und Ränder zusammenpassen. Schriftgrad 10 bis 12 Punkt, Zeilenabstand um 1,15, Rand ringsum mindestens zwei Zentimeter, links etwas mehr, wenn geheftet wird. Absätze durch Leerzeilen trennen, nicht durch Einrückung.

Was du vermeiden solltest: Blocksatz ohne Silbentrennung, weil dabei Löcher zwischen den Wörtern entstehen. Und den Versuch, Zeilen durch manuelle Umbrüche zu retten, denn die verrutschen beim ersten Export.

Am einfachsten ist es, wenn das Dokument die Grenze selbst hält. Die Anschreiben-Vorlagen passen den Textblock automatisch so an, dass die Seite stimmt, auch wenn dein Entwurf zwanzig Wörter zu lang ist. Das ersetzt das Kürzen nicht, aber es nimmt dir die Rechnerei ab, während du noch am Inhalt arbeitest.

Häufige Fragen

Reicht eine halbe Seite?

Für eine Initiativbewerbung oder eine sehr einfach beschriebene Stelle ja. Bei einer ausführlichen Ausschreibung wirkt eine halbe Seite so, als hättest du zu wenig zu sagen. Drei Absätze mit je einem Beleg sind die untere Grenze, unter der es dünn wird.

Sind zwei Seiten ein Ausschlusskriterium?

Selten formal, praktisch oft. Zwei Seiten werden meistens nur zur Hälfte gelesen, und der Teil, der wegfällt, ist der untere. In Führungs- und Wissenschaftsbewerbungen gibt es Ausnahmen, dort wird der längere Text erwartet.

Zählt der Briefkopf mit?

Der Briefkopf, die Empfängeranschrift und der Betreff gehören zur Seite, aber nicht zum Text. Für die Frage, ob dein Anschreiben zu lang ist, zählst du die Wörter im Fließtext, nicht die Zeilen auf dem Blatt.

Wie viele Absätze sind ideal?

Vier bis fünf: Einstieg, zwei bis drei Absätze mit Belegen, Schluss. Jeder Absatz sollte in einem Satz zusammenfassbar sein. Wenn dir das bei einem nicht gelingt, enthält er zwei Gedanken und gehört geteilt oder gekürzt.

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